Warum hybride Modelle ausgedient haben
Media Next – die Zukunft der Lokalmedien #8: Heinz Alt regt an, Print und Digitales zu trennen
Wenn Print die nächsten 15 Jahre überleben soll, muss es als eigenständige Geschäftseinheit behandelt werden und nicht als Hindernis für das digitale Wachstum. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die Erwartung, die mit der BDZV/Highberg-Trendstudie vom Februar dieses Jahres geschürt wurde, dass das Ende der gedruckten Zeitung erst in 15 Jahren eintritt, entscheidend davon abhängt, was Zeitungshäuser strategisch der neuen Medienwelt entgegenstellen. Denn KI und Algorithmen verändern die Spielregeln für Journalismus, auch Werbeerlöse erodieren, und das digitale Werbegeschäft könnte schon bald in den neuen „Walled Gardens“ der großen Sprachmodelle abwandern. Ein einfaches „Weiter so“ ist für die klassische Print-Zeitungsbranche längst keine Option mehr.
Finanzielle Engpässe und Kostendruck haben viele Verlage dazu veranlasst, hyperlokale Nachrichten sowie Gemeinde- und Stadtberichterstattung zu kürzen – Inhalte, die für Printleser nach wie vor wichtig sind, aber in digitalen Formaten oft unterdurchschnittlich abschneiden.
Längst kein Geheimnis mehr, dass die geringere Relevanz vieler lokaler Inhalte, die oft nicht genug Traffic erzeugten, eine entscheidende Rolle bei der Einstellung der Landkreisausgaben der SZ hatte. Das Ergebnis ist, dass sich Print-Abonnenten unterversorgt fühlen, was den Rückgang der Druckauflagen weiter beschleunigt. Ein Teufelskreis, in dem sich die meisten Lokalzeitungsverlage befinden: Denn Printleser sind nach wie vor bereit, einen Premium-Preis für die Papierausgabe zu zahlen.
Hautnah erleben können diesen Rückbau des Regionalteils die Abonnenten der „Süddeutsche Zeitung“ seit Ende 2024. Damals, just während der Münchner Medientage, platzte die Bombe. Damals sickerte durch, dass die „Süddeutsche“ ihre Landkreisausgaben aufgeben wolle. Viele Experten, aktuelle und ehemalige Redakteure des Hauses, sind bis heute der Meinung, die „SZ“ habe damit einen Teil ihrer journalistischen DNA aufgegeben. Die damalige Diskussion, hier zum Nachlesen.
Im Juni 2025 stellte der Verlag seine gedruckten Landkreisausgaben im Münchner Umland ein. Zeitgleich wurden die lokalen Außenbüros geschlossen. Statt separater Ausgaben für Fürstenfeldbruck, Dachau, Freising, Erding, Wolfratshausen und Ebersberg gab es zunächst vier Regionalseiten. Der geneigte Landkreis-Leser musste sich dabei aus einem Sammelsurium von Nachrichten, die auf engstem Raum zusammengefasst wurden, die Reste seines ehemals üppigen Nachrichtenmenüs herauspicken. Oft genug mit der Erkenntnis, dass der Hunger nach Lokalnachrichten aus dem direkten Umfeld nicht wirklich gestillt wurde.
Seit Ende letzten Jahres bietet die SZ für jeden Landkreis rund um München eigene, kostenlose WhatsApp-Kanäle an. Quasi als digitaler Ersatz bzw. Ergänzung zur umstrukturierten Regionalberichterstattung. Die redaktionellen Inhalte werden durch automatisiert generierte Informationen ergänzt, um die Reichweitenverluste der gedruckten Landkreisausgaben durch diese „Push“-Kanäle zu kompensieren. Die genaue Zahl der Follower wird in der Kanal-Info bei WhatsApp angezeigt und liegt z. B. am heutigen Tag bei der SZ Ebersberg bei knapp über 800 Followern. Für einen Landkreis mit knapp 145.000 Einwohnern eher übersichtlich.
Mittlerweile werden die ursprünglich angekündigten vier Regionalseiten (für drei Landkreise) an manchen Tagen sogar auf eine Seite zusammengestutzt. Einzelne Regionalseiten sind seit Kurzem überschrieben mit „Aus der Region“, was weitere Umfangskürzungen erahnen lässt.
Als Folge haben sich zwischenzeitlich auch lokale Werbekunden umorientiert. Regionale Anzeigen oder Sonderveröffentlichungen finden sich entweder beim direkten Wettbewerber oder in örtlichen Amtsblättern wieder. Selbst die als Lesestoff so wichtigen Todesanzeigen finden nicht mehr zwingend in der Regionalausgabe der „SZ“ statt.
Der sukzessive Auflagenschwund bleibt nicht ohne Folgen für die Rentabilität der verbliebenen Abonnements. Mit jedem verloren gegangenen Abonnement erhöhen sich die Kosten pro Exemplar. Der Nahost-Krieg und die damit weiter gestiegenen Kosten bei Energie und Logistik tun ihr Übriges, weshalb es nicht überrascht, dass verstärkt bestehende Printabonnenten in den Regionen zu einem Wechsel zum Digital-Abo motiviert werden. Das aktuelle Schnupper-Angebot (s. Screen): „Wir schenken Ihnen zwölf Monate digitale SZ“.
Journalismus in Zeiten von „Zero Click Future“
Längst haben sich durch die neuen Sprachmodelle die Spielregeln und Gesetzmäßigkeiten zur Traffic-Generierung verschoben. Was heute in den Overviews von Gemini & Co. angezeigt wird, entscheidet zunehmend über Relevanz und Sichtbarkeit. Journalismus in Zeiten von „Zero Click Future“ muss neu gedacht werden:
Verlage und Redaktionen müssen mittels KI eigene Werkzeuge und Erlebnisse fürs Publikum entwickeln – und deshalb vor allem in Kompetenz investieren.
Um die Kontrolle zurückzugewinnen, braucht Journalismus Alternativen und eigene Distributionswege.
Viele Redaktionen nutzen KI derzeit zur Effizienzsteigerung. Doch der eigentliche Hebel muss es sein, selbst KI-Angebote zu entwickeln und neue Nutzererlebnisse zu schaffen.
Die größte Bedrohung für Medienhäuser ist, dass Nutzer direkt im Chatbot Antworten bekommen, ohne auf die Website zu klicken. 80 Prozent des Traffics, prognostiziert KI-Entwickler Florent Daudens vom Softwareentwickler „Hugging Face“, breche so weg – und bei den meistgestellten Fragen an KI-Assistenten komme Journalismus kaum noch vor. Sein Interview in der SZ, hier nachzulesen.
Weitere Artikel aus der Serie
Lesen Sie auch weitere Teile der Serie „Media Next – die Zukunft der Lokalmedien“ von Heinz Alt:
Hybrid-Strategien auf dem Prüfstand
Die nächste disruptive Welle scheint gerade auf die Werbewirtschaft zuzurollen – auch mit Folgen für das digitale Werbegeschäft von Medienhäusern. Denn die KI-Antwortmaschinen sollen nicht nur für Inhalte die neuen Einstiegspunkte in das Internet darstellen, sondern auch für Werbung. Wer dort mit seinen Markenbotschaften präsent sein möchte, kann künftig auch Anzeigen buchen.
Anfang des Jahres hat OpenAI in den USA damit begonnen, in ChatGPT Anzeigen zu testen. Die Anzeigen sollen die Antworten nicht beeinflussen, so das Versprechen. Werbestrategen hierzulande bereiten sich jedenfalls schon darauf vor. In Anbetracht der Geschwindigkeit der KI-getriebenen Entwicklungen sei es sinnvoll, sich neben der Content-Arbeit auch mit künftigen Paid-Strategien zu beschäftigen. Mehr über bezahlte Werbung in KI-Chats, hier nachzulesen.
Um den fortschreitenden Konzentrations- und Konsolidierungsprozess in der Zeitungsbranche einzubremsen und die Medienvielfalt zu erhalten, müssen deshalb festgefahrene Strategien auf den Prüfstand – etwa die hybride Aufstellung der meisten Zeitungsredaktionen.
Experten wie der Geschäftsführer bei IFMS Media Dr. Dietmar Schantin, der den Umbau etlicher großer englischsprachiger Redaktionen begleitet hat, rät, das Modell umzukehren: Anstatt Print als sekundäres Produkt innerhalb einer digitalen Redaktion zu behandeln, sollten Verlage ein kleines, fokussiertes Printteam schaffen, das für die Print-Zielgruppe verantwortlich ist, während sich die Hauptredaktion vollständig auf Digitales konzentrieren kann (mehr lesen).
Die Digital-Print-Herausforderung
Die Gründe liegen auf der Hand:
Die Präsenz von Print im täglichen Betrieb – selbst in einigen Redaktionen, die bereits mit automatisierter Printproduktion begonnen haben – schränke die Fähigkeit ein, sich vollständig auf digitales Wachstum einzulassen.
Viele Redaktionen produzieren immer noch Geschichten, um die „Zeitung zu füllen“, statt den digitalen Mehrwert hinzuzufügen.
Selbst wenn Print nur noch einen Bruchteil der Zeit eines Newsrooms beansprucht, beeinflusse es dennoch die Entscheidungsfindung. Journalisten gestalten ihre Geschichten unbewusst so, dass sie zu beiden Plattformen passen, selbst wenn das Digitale eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte.
Der demografische Wandel innerhalb einer Redaktion führe zu wachsenden Diskrepanzen. Eine Redaktion, die aus Journalisten in den 20ern und 30ern besteht, wird Schwierigkeiten haben, die Bedürfnisse und Interessen einer deutlich älteren Printleserschaft vollständig zu verstehen. Zurück bleibt eine unzufriedene Leserschaft.
Die Herausforderung liegt also darin, eine tägliche Printzeitung für eine in die Jahre gekommene Leserschaft zu schaffen und gleichzeitig in einer Digital-First-Welt konkurrenzfähig zu sein.
Die Folgen eines Transformationsprozesses, der übereilt und schlecht vorbereitet erfolgt und bei dem sich die Lokalzeitung aus dem ländlichen Raum zurückzieht, hat gerade ein Report von „Netzwerk Recherche“ in Thüringen offenbart, wo in elf Gemeinden rund um Greiz die Zustellung der Papierzeitung von der „Funke Mediengruppe“ eingestellt wurde. Das Experiment in der Region Greiz zog bundesweit Aufmerksamkeit auf sich, weil es exemplarisch für den Umstieg von Print- auf Digital-Abos im ländlichen Raum stand.
Doch das Ergebnis der Aktion war laut dem Abschlussbericht des Dialogprojekts enttäuschend: Fast die Hälfte der betroffenen Abos – 47 Prozent – ging dem Verlag verloren. Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht? Hier der ausführliche Bericht.

Heinz Alt ist selbstständiger Unternehmensberater und verfügt über mehr als 30 Jahre Verlagserfahrung in zahlreichen Führungspositionen, Geschäftsführung und Company-Building in verschiedenen Medienhäusern in Deutschland. Er berät Verlage, Medien-Startups und digitale Publisher und ist selbst Teilhaber einer aus einer Startup erwachsenen App-Agentur. Seine Mission ist die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für Lokaljournalismus mit Fokus auf die junge Zielgruppe. Heinz Alt ist Mitgründer des neuen Medien-Startup MOXIOS. MOXIOS ist Publisher und bietet Verlagen und Lokalmedien die Möglichkeit, die KI-Infrastruktur für die Ausspielung eigener News zu nutzen, um Nachrichtenlücken zu schließen, Sichtbarkeit und Traffic zu erhöhen und Pionier zu sein beim Aufbau eines neuen technikgetriebenen Journalismus.
